Die Skepsis und das Aua 🦧
Ich hatte beim Schreiben des letzten Kapitels oftmals das Bedürfnis mich für das Geschriebene zu rechtfertigen.
Mehrfach habe ich ganze Passagen radikal umgeschrieben, oder komplett gestrichen.
Nicht weil sie fachlich falsch waren - sondern weil ich Angst hatte.
Angst davor, man könne meine Worte nicht so verstehen wie ich sie meine. Ich hatte Angst du könntest dich angegriffen fühlen. Schmerz ist immer real. Das ist indiskutabel. Er prägt deinen Körper, deine Gedanken, deine Ängste. Und je länger er anhält, desto komplexer wird das Geflecht aus Körper und Geist.
Aber er ist trotzdem nicht immer verlässlich - und das tut irgendwie weh. Nicht weil er eingebildet ist - sondern weil er eine Entscheidung deines Nervensystems ist. Schmerz ist kein Urteil - Schmerz ist Wahrnehmung.
Schmerz als Cocktail - 🍸
Wenn wir Schmerz als einen anfänglichen Reiz verstehen, der von deinem Gewebe aufgenommen und in deinem Hirn verarbeitet wird, dann steht dein persönlicher Schmerzgrund niemals für sich alleine.
Der auslösende Reiz ist indiskutabel. Dein Erleben auch - du spürst was du spürst.
Nehmen wir eine Backpfeife - es macht einen großen Unterschied wo und von wem sie kommt. Findet sie im hitzigen familiären Streit, beim Kampfsport oder vielleicht sogar während des einvernehmlich wilden Sex statt?
Selbst bei exakt gleicher Intensität löst die gleiche Backpfeife hier völlig unterschiedliche Antworten in deinem Körper aus. Schmerz geht Hand in Hand mit einer ganzen Palette an Emotionen und Gedankengerüsten - Und Emotionen gehen wiederum eng verbunden mit Schmerz. Beide beeinflussen sich.
Der Anfangsreiz existiert - sei es ein Bandscheibenvorfall, der Stoß am Tisch oder eine Backpfeife, vielleicht auch einfach nur besonders scharfes Essen. Ob aber deine Amygdala oder die Insula ab hier das Kommando übernimmt, ist entscheidend dafür wie du den Moment erlebst. Tut es dir weh und du hast Angst - oder zwickt es kurz und du hältst den Moment in Ruhe.
Was wir aus der Betrachtung der Neuroanatomie lernen können, ist nicht, dass es ohne Emotion keinen Schmerz gibt. Emotion gibt Schmerz erst seine Bedeutung. - Ich weiss, dass dieser Absatz zu 100% stimmt. Aber ich hasse es ihn zu schreiben.
Vielleicht spreche ich hier und jetzt ausnahmsweise nur für mich und sage deutlich: ich bin unsicher. In allem. Ich lebe zum allerersten Mal, werde zum allerersten Mal älter und vermutlich zum allerletzten Mal irgendwann sterben. Ich liebe jeden Moment von all diesem Leben hier - aber jeder Moment macht mir auch ein wenig Angst.
Sir Anthony Hopkins
An einem dieser Samstag Nachmittage meiner Jugend, an denen ich früher den Fernseher anschaltete und einer dieser Filme lief. Einer dieser Filme, bei denen man erst nicht versteht warum man ihn schaut. Später freut man sich, dran geblieben zu sein.
Sir Anthony Hoppkins spielt im Film „Instinkt“ einen Anthropologen, der sich im Jungel Borneos tief in den engsten Vertrauenskreis eines Gorilla Rudels wagen darf. Im dichten, tief verregneten Urwald, geschützt von Lianen, Palmenwedeln und den Geräuschen der ungezähmten wilden Welt, verbringt er Monate fernab der Zivilisation. Er wird zur Wildnis. Er wird Teil der Gorilla Familie und lebt mit ihnen für eine lange Zeit. Er beschreibt sie als die schönste seines Lebens.
Cuba Gooding Jr. spielt einen Jungen ehrgeizigen Psychologen.
In seiner Rolle als Dr. Ethan Powell ermordet Sir Anthony Hoppkins mehrere Wilderer, nachdem sie seine Gorilla Familie gewaltsam auseinander rissen und große Teile der Tiere um ihr Leben brachten. Er wird verhaftet und kommt nach vielen Umwegen in die psychiatrische Abteilung eines Bundesgefängnisses. Spricht dort mit niemandem - wirkt vollkommen entfremdet von der Welt. In seiner Rolle als Anwalt versucht Gooding Jr. Vertrauen aufzubauen und den Anthropologen so in Stand zu setzen, an einer Vernehmung teil zu nehmen.
In einer Schlüssel-Szene im Verlauf des Filmes - nachdem beide sich kennen gelernt und eine Beziehung zueinander fanden, reicht der junge Psychologe dem wilden Anthropologen einen Stift und bittet ihn einige Worte zu Papier zu bringen.
Hoppkins fällt über den Psychologen her. In seinen Augen liegt die Brutalität und Unbarmherzigkeit des Jungels. Er hält ihm mit Nachdruck den Stift an den Hals, bedroht ihn mit dem Leben. „Was habe ich dir genommen?“ fragt er mit Nachdruck .
Philosophische Frage nicht wahr? Nach einem intensiven Hin und her kritzelt Junior panisch „Kontrolle“ auf ein DinA 4 Blatt. Hatte er jemals die Kontrolle über die Situation? Hopkins schreit ihn an - presst den Stift fester gegen seinen Hals. Erst als der Psychologe ergänzt: „die Illusion von Kontrolle“ lässt Hopkins ab. Jetzt halte ich dir den Stift an den Hals - was schreibst du auf das Blatt Papier?
Was nimmt Schmerz dir?
Ich bin ausdrücklich kein Esoteriker
Auch wenn ich keine Antipathie gegen die Esoterik hege, bin ich sehr verankert in der klaren Struktur der Wirklichkeit. Für mich ist Einbildung nicht faktisch - Nicht messbar. Aber die Forschung interessiert meine Meinung und persönliche Einstellung nicht.
Wenn ich dir all dies über Schmerzmechanismen und den Placeboeffekt schreibe, muss ich mir eine Sache eingestehen - ich Ringe - obwohl mir klar ist, dass die Forschung deutlich klarer ist als ich.
Natur legt auf Meinung keinen Wert. Eine Studie interessiert meine Wertung nicht.
Darüberhinaus muss ich mir auch eingestehen: wenn ich die Forschung ernst nehme, betrifft sie mich selbst. Ich schreibe diesen Teil des Buches nicht als Autor - sondern als Betroffener. Ich bin ein Mensch - ich habe Schmerzen, so wie alle Menschen. Deshalb werde ich nicht versuchen, dich zu überzeugen. Es hat für mich zehn Jahre meines Lebens gebraucht, diese Studien und Zusammenhänge ernst zu nehmen. Dir steht die Zeit zu du dafür brauchst - oder die Entscheidung allem zu misstrauen.
Darf ich dir trotzdem eine vielleicht provokante Frage stellen - die ich mir selbst mehr als einmal gestellt habe?
Was ist das Motiv für deine Skepsis?
Vielleicht ist der größte Placeboeffekt gar nicht der in unseren Körpern – sondern gesellschaftlich. Wir werden groß auf einer Welt voller Vergleiche. Bin ich schön genug? Bin ich zu dick, zu dünn, zu dumm oder zu schlau? Bin ich richtig?
Die Erwartung, stark sein zu müssen. Die Angst, Schwäche zu zeigen. Dieses konstante Wehren gegen Sensibilität.
Wenn wir darüber sprechen, wie Erwartungshaltungen die Biologie des Körpers verändern, geht es immer auch um diesen einen Satz: „Ich bilde mir das nicht ein.“
Glaubst du man würde dich weniger Ernst nehmen, würdest du dir eingestehen, dass dein Schmerz dir auch Angst macht?
Vielleicht können wir festhalten, dass jede Einbildung ein Leben massiv ändern kann – so wie die Geschichte vom Weihnachtsmann das Leben von Millionen Kindern verändert hat. Nicht, weil sie wahr ist, sondern weil sie wirkt. Weil sie Erwartung schafft. Weil sie dein und mein Leben formt.
Der Hoppkins in mir.
Ich habe so sehr versucht in all meinen Worten keine Zweifel zu lassen, dass ich eines völlig vergessen habe - dir zu vertrauen. Meine Zweifel, meine Sorgen, das sind ganz und gar meine Probleme und haben mit der Sachlichkeit dieser Texte nichts zu tun. Wenn du die Forschung auch nur halb so ernst nimmst wie ich - dann hat dieses Buch einen Sinn.
Ich gebe ab hier die Kontrolle an dich ab.