Von Wunsch und Schmerz
Jetzt kurz einen Kaffee - Bohnen malen, die mit der ganz speziellen Röstung.
Die Körnung ist präzise eingestellt, Temperatur on Point, optimale Durchlaufzeit, die perfekte Tasse aus der kleinen Boutique in Merano, 17mg Espresso -„ahhhhh, Lecker!“ Ohne Kaffee - ohne mich! Direkt wach!
Ich werde hier kurz zum Klugscheißer, aber die wenigsten wissen: Koffein entfaltet seine Wirkung frühestens nach 15-30 Minuten im Körper. Erst nach einer Stunde ist die Wirkung am Höhepunkt - Nach einer Stunde hole ich mir meistens schon den zweiten Kaffee weil der erste gefühlt nicht mehr knallt.
How dare you - calling it Placebo?!
Speichelfluss, Erwartungshaltung und ein zartes Glücksgefühl nach dem Erhalt der Belohnung - alles Zusammenhänge die ich doch irgendwo schonmal gehört habe, irgendwas klingelt da. Vielleicht ist es auch ein Hund der bellt.
Der Placeboeffekt im klassischen Sinne, wird am besten beschrieben über Wirkung ohne Wirkstoff. Eine Pille Süßstoff, die wirkt als wäre sie ein Medikament. Dieser Effekt wird seit mindestens dem Beginn des letzten Jahrhunderts immer wieder aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Obwohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse wichtig sind - und wir alle schonmal das Wort Placebo gehört haben, wissen wir wenig darüber was diesen Effekt eigentlich ausmacht.
Komm mit, wir gehen auf eine kleine Reise durch die fabelhafte Welt der Placeboforschung - springen wild zwischen Krieg, Urlauben und Hunden, nur um am Ende zu der Antwort auf die Frage zu kommen:
“was hat Schokolade im Supermarkt mit deinem Schmerz zu tun?”
Zwischen Krieg und Frieden
Es ist Krieg - Um genau zu sein der zweite Weltkrieg. Kugeln fliegen, aus den Läufen der Gewehre entlädt sich Hass, Mordlust und indoktrinierte Fremdenfeindlichkeit. Im Lazarett einer Armee sammeln sich die verletzten Soldaten.
Dieses Militärkrankenhaus ist von einem hoch angesehenen Soldaten und Mediziner geführt - Henry K. Beecher.
Er hat einige der Männer durch unzählige Schlachten begleitet, vielen das Leben gerettet. Solange er im Raum ist, wirkt die unsichere Grausamkeit des Krieges wie in einem dichten Nebel gehüllt. Manchmal erlaubt Beecher der Sonne durch die grauen Wolken des Krieges hindurch zu scheinen. Alle vertrauen ihm.
In diesem einen Gefecht fällt es ihm schwer, seine Ruhe zu halten. Soldat um Soldat findet den Weg auf die Liege. Langsam aber beständig werden die Verbandsmaterialien knapper und die Medikamente gehen aus. Insbesondere Morphium, als besonders starkes Schmerzmittel. Die Vorräte sind fast aufgebraucht. Der Arzt trifft eine Entscheidung:
Er verabreichte den Soldaten in ihrem Schmerz Kochsalzlösung - Ohne Wirkstoff - und gab dies als Morphium aus. Niemand bemerkte dies. Die Schmerzensschreie verstummten. Beecher half Schmerzen zu lindern.
In einem Krankenhaus unserer Zeit wird eine Frau nach ihrer Operation wach und sieht ihn ihrem Zimmer eine freudig aufgeregte Gruppe Medizer*innen stehen. Alle wirken als gäbe es gute Nachrichten. Ein nobel gekleideter Mann tritt aus der Gruppe hervor:
„es ist mir eine ungeheure Freude und Ehre Ihnen mitteilen zu dürfen, dass wir sie als Teilnehmerin einer Medikamenten-Studie begrüßen können. Sofern sie das wollen, versteht sich.
Das Medikament hat eine ausgesprochen vielversprechende schmerzlindernde Wirkung, natürlich fast gänzlich ohne die sonst üblichen Nebenwirkungen. Es ist an sich längst über den experimentellen Zustand hinaus. Es bedarf lediglich noch ein paar Erfahrungswerten, um es auch rechtlich sicher nutzen zu können. Da wir aber bisher bahnbrechende Erfolge und ausschließlich gute Ergebnisse erzielen konnten, sind wir alle davon überzeugt, dass wir ihnen nur eine Chance nähmen, würden wir sie nicht fragen. Es wäre uns eine große Freude.“
Die Zuversicht der Anwesenden ist nicht zu übersehen. Alle nicken euphorisch. Die Patientin sagt zu - Das Medikament wirkt wie versprochen. Für einige Tage schwebt die Patientin auf einer Wolke aus Schmerzfreiheit. Dann kommt der Bruch.
Ein schlecht gelaunter, müde wirkender Assistenzarzt mit zerknittertem, schlecht geknöpftem Hemd kommt Tage später in den Raum.
„Ik sage et ihnen jetz mit aller Vorsicht: dit ham wa mal schön in den Sand jesetzt hier. Studie hin oder her, is ja allet schön und jut. Aber im Alltag muss dit ja auch allet abjesegnet und umsetzbar sein, wissen se. Hat der Vorstand mal wieder schöne Flausen im Kopf jehabt. Aber von Flausen bezahlste keinen neuen Krankenhaustrakt. Dit machste am besten mit sparen. Folgendet Thema jute Frau - mit dem Medikament is nischt mehr. Finito - aus die Maus. Ik hab da noch n bisschen wat da jehabt von ne anderen Firma.
Taugt nüscht - sach ik ihnen gleich.
Aber dit Leben is ken Ponyhof. Zähne zusammen beißen wa. Hoffe sie ham ne jute Zahnzusatz, wenn se verstehen wat ik mene. Schön wird dit nicht die nächsten Tage.“
Das zweite Medikament hält nicht mit dem Experimentellen mit - wie zu erwarten. In den nächsten Tagen hat die Frau starke Schmerzen. Beides sind keine Märchen auch wenn ich sie so geschrieben habe.
Henry K. Beecher legte im zweiten Weltkrieg Grundlagen der modernen Placebo-Forschung. Auch wenn wir glauben das Wort Placebo sei neu, ist es dies nicht. Der Placebo Effekt wird seit über hundert Jahren erforscht. Beecher hat unwissentlich den Anfang gemacht. Die Frau im Krankenhaus ist eine wirkliche Teilnehmerin einer größer
angelegten Studie, basierend auf Beechers Erfahrungen - ihr wurde im Verlauf der Studie niemals ein Medikament verabreicht, geschweige denn zwei Verschiedene. Bei beiden Schmerzmitteln handelte es sich, wie bei Beecher im Krieg, um Kochsalzlösung.