Die Träume der Zimmermädchen

Früher bin ich gerne mit dem Rucksack, oder dem Fahrrad durch die Welt gereist. Ich bin älter geworden - der Rucksack liegt verstaubt in der Ecke. Heute reicht manchmal ein schönes Hotel. Egal wie unordentlich mein Zimmer ist, abends ist es wieder aufgeräumt. Ein frisch bezogenes Bett - jeden Tag. Klasse! 

An dieser Stelle muss ich zu meiner Schande etwas gestehen: Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals mit jemandem vom Room Service unterhalten zu haben.
Meine Mama hat zwar oft gesagt sie betreibe kein Hotel, aber das zählt vermutlich nicht.

Ellen J. Langer und Alia J. Crum haben getan was ich vergaß. Sie haben intensiv und lange mit Hotelpersonal gesprochen. Sie haben hingeschaut. In den frühen 2000er Jahren haben sie 84 Zimmermädchen, aus sieben verschiedenen Hotels der USA untersucht. Sie haben gemessen: Gewicht, Körperfett und Blutdruck. Um etwas über die allgemeine Zufriedenheit der Zimmermädchen zu erfahren, gehörte zur Studie vor allem ein Gespräch auf Augenhöhe.  Sie haben gefragt, wie geht es euch? 

Ich habe mir die Frage gestellt, wie sich ein Zimmermädchen wohl fühlen mag? Immer im Schatten. Immer verantwortlich dafür alles sauber zu halten. Sorgfältig arbeiten, für Menschen denen es wirtschaftlich oft besser geht als ihnen selbst. Im Hotel treffen die Kontraste von losgelöstem Freiraum zur harten Alltagsrealität stärker aufeinander, als kaum irgendwo. Kritisieren wir Social Media nicht oft dafür, dass wir einander nur die schönen Seiten des Alltags zeigen und selten die weniger interessanten oder sogar traurigen? Wenn ein paar kurze Videos und Fotos einen so intensiven Einfluss auf uns haben - wie fühlen sich dann Hotelangestellte? 84 Menschen die täglich Räume für andere säubern, aber kaum Raum für die eigene Ordnung finden. Schlecht - Überarbeitet - wenig Perspektive - individuelle Unzulänglichkeiten - kaum Zeit für die Familie oder soziale Kontakte.

Das Team aus Forschenden begleitete sie über einige Zeit, beobachtete sie beim Arbeiten. Sie wurden Teil ihres Alltags. Dann passierte etwas interessantes: Der Hälfte der Hotelkräfte wurde im Anschluss ein Vortrag gehalten. Der Inhalt war bestechend simpel aber freundlich konfrontierend:

Ihr sagt, ihr tut nicht genug. Wir haben euch zugesehen. Was ihr jeden Tag leistet ist unglaublich: ihr saugt, wischt, tragt von hier nach dort, bezieht Betten, richtet Vorhänge, füllt auf was leer ist. Ihr tut euer bestes allen Gästen einen schönen Aufenthalt zu ermöglichen. Dabei bewegt euch wahnsinnig viel, verbrennt Unmengen an Kalorien. Ihr liegt damit mindestens in - vermutlich sogar über den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden! Euch ist vermutlich nicht bewusst welch immense Leistung ihr jeden Tag vollbringt!

Nach nur 15 Minuten war der Vortrag beendet - nur 15 Minuten.

Was glaubst du wie sich das Selbstbild veränderte? Das war eine Fangfrage: Ich muss dir darauf keine Antwort geben. Du kennst sie bereits. Wir beide kennen sie.

Vor ein paar Jahren kam eine ältere Dame zu mir in die Behandlung. Seit Jahren schmerzte ihr Rücken. Manchmal zog ihr der Schmerz in die Beine. Ihre Knie hinderten sie daran weite Strecken zu gehen. Ich bot ihr an, erstmal ihre Knie zu behandeln und während ich behutsam Ihre Muskulatur löste, hörte ich ihr zu.

Sie schrieb Bücher für Kinder, verlegte diese selbstständig zum Umkostenpreis, las darüber hinaus ehrenamtlich in Kindergärten und Schulen vor. Voller Leidenschaft und Hingabe erzählte sie mir minutenlang von ihrem Einsatz. Alle paar Sätze stockte sie und ihre Mimik veränderte sich - „aber ich bin zu faul mich zu bewegen!“

Wie ein Hammerschlag aus Selbstgeißelung, schlug dieser Satz wieder und wieder eine Kerbe in Ihre Leidenschaft. Ich sagte lange Zeit nichts dazu. Am Ende der Behandlung gab es einen Moment Ruhe. Ich spürte ich könne etwas sagen.

Glauben sie wirklich dass sie faul sind?

Im Raum hallte die Frage nach, ich fuhr fort.

Sie beschreiben grade zwei Wirklichkeiten, die beide nichts miteinander zu tun haben. Die eine Wirklichkeit ist die einer Frau, die voller Liebe und Zuneigung Kreativität in die Welt hinaus trägt und so viele Momente aus Freude schafft. Die Andere Wirklichkeit ist die einer faulen und handlungsunfähigen Person.

Ich verstehe das nicht.

Für mich sind sie nicht faul, sie sind vielleicht nur hilflos. Sie haben keinen Bezug zu Bewegung. Ich weiß nicht warum.
Aber eigentlich gibt es dafür für mich nur drei mögliche Gründe: 

Vielleicht haben sie Angst etwas falsch zu machen, wissen nicht was ihnen gut tun könnte oder verstehen schlicht nicht, wie sie Bewegung in ihr Leben integrieren können,

aber faul sind sie nicht.

Die Zimmermädchen gaben nach vier Wochen an, sich deutlich besser zu fühlen. Außerdem sanken Körpergewicht, Körperfett und Blutdruck insgesamt im Vergleich zum Beginn der Studie.

Ohne, dass die Beteiligten etwas Signifikantes in ihrem Leben geändert hätten.
Es gab nur diesen fünfzehn minütigen Vortrag - sonst nichts.

Die Patientin kam zwei Tage später zu mir und erzählte mir mit Freudentränen in den Augen, dass sie zum ersten Mal seit Jahren einen lange spazieren ging

ohne Schmerzen.

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Von Wunsch und Schmerz

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