Oh-Oh-Operation ✂️

Schnipp schnapp - schnipedi schnapp nur ein kleiner Schnitt und die Sehne ist ab - äh - dran.
Nur ein kleiner Eingriff und Monate Schmerz sind - schnipps - vorbei.

Bevor wir irgendetwas anderes tun, lass uns einem Moment innehalten, um den Entwicklungen der Chirurgie danken.
Auch wenn es sich vielleicht ein wenig ironisch liest, Operationen sind am Ende - Hand aufs Herz - etwas Gutes.
Jeden Tag werden tausende Menschen in Deutschland operiert.
Jeden Tag öffnen sich tausende Menschen sinnbildlich - und im wahrsten Sinne des Wortes - für einen neuen Lebensabschnitt. Man merkt allerdings sobald ein Skalpel im Raum ist, auf eine sehr überraschend deutliche Art und Weise wie wichtig Kontext ist:

Ein maskierter Typ mit Skalpel und Narkotika, in einer dunklen Gasse, am Kottbussser Tor in Berlin - weniger gut.
Ein maskierter Typ mit Skalpel und Narkotika, in den Operationssählen der Charité Berlin Mitte -
schneidet Dich auch auf, aber Du gehst mit einer neuen Hüfte nach Hause.

Alles was jetzt folgt - sage ich auf der oben aufgebauten Basis. Operationen sind ein absoluter Gewinn für uns als Gesellschaft, aber:
Sie bedeuten für viele Menschen viel mehr,
als die bloße wissenschaftliche Errungenschaft.

Manche Menschen fliegen in Raketen in den Weltraum. Ich allerdings werde schon nervös beim Start eines Flugzeugs. Es macht einen gewaltigen Unterschied, aus welcher Perspektive wir Erfolge in der Forschung betrachten. Piloten haben vermutlich selten Flugangst, Passagiere wie ich durchaus öfter.

Wir leben gesamtgesellschaftlich in einer Zeit in der es besser als je zuvor in der Menschheitsgeschichte möglich ist, den Körper gewaltsam zu öffnen - und mit äußerer Macht zu heilen.
Niemals zuvor wurden im Frieden so viele Menschen aufgeschnitten wie heute. Trotzdem hatten weder du noch ich (hoffentlich) jemals ein Messer, oder Skalpell im Körper. Für uns ist diese Erfahrung neu.


Die bloße Aussicht auf einen operativen Eingriff macht schnell verständliche Angst, weil sie nicht alltäglich sind.
Manche Menschen wissen, dass in einem halben Jahr die neue Hüfte notwendig sein wird und sind bis zu diesem Eingriff nahezu komplett handlungsunfähig.

Nein ich kann da jetzt eh nichts machen, das muss operiert werden!“- „Wirklich? Muss es das?

Ich wage eine bewusst provokanten Frage: „Ist der Ansatz einer Operation nicht paradox?“

Es wird kurz blutig, also Augen zu: Um den Körper zu heilen schneiden wir ihn auf. Wenn ein neues Hüftgelenk den Weg in deinen Körper findet, muss erstmal in vielen Fällen dein Oberschenkel gebrochen, und dein altes Gelenk entfernt werden, damit Platz für das Neue ist. Mit einem Hammer wird eine neue Titanhüfte in den Oberschenkel geschlagen. All die zerschnittenen Hautschichten bekommen Nähte. Muskulatur, die mit Klammern beiseite gezogen wurde, um Platz zu schaffen, wird wieder an ihren gewohnten Platz entlassen.

Auch wenn der Rahmen sehr kontrolliert ist - jede Operation wirkt auf mich wie eine sehr sehr (sehr) gut koordinierte Messerattacke. Wenn du bei diesen Zeilen Angst oder Unbehagen spürst - verständlich.
Operationen haben etwas martialisches.

Aber rein faktisch verläuft der Großteil aller durchgeführten Operationen positiv.
Diese Eingriffe wirken angsteinflößend, sind aber mittlerweile absolute Routine.

Jeden Tag werden hunderte Knochen gebrochen, geschliffen, zersägt und so repariert.
Gut koordinierte Messerattacken am Fließband - Heilung durch Schaden.
Mir macht das keine Angst, sondern vermittelt eine komplett andere - hoffnungsvolle - Botschaft:

Der Körper heilt.

In jedem Körper wohnt eine intensive Kraft, selbst große Schäden zu überstehen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich manche Mediziner*innen und Forschende deshalb die Frage gestellt, ob ein so heilfähiges System wie unser Körper minimalinvasive - arthroskopische Eingriffe wirklich braucht.

In diversen Studien wurde untersucht, welchen Unterschied eine Operation bei Sehnenrissen und Meniskusschäden macht. Dabei war die Herangehensweise relativ simpel - aber überraschend konsequent.
Unterschiedlich große Personengruppen mit Schmerzen in den Schultern, oder Knien, erfüllten alle Kriterien für eine Operation - ein auffälliges MRT und langjährige Schmerzen.

Je nach Studie wurden sie in verschiedene Gruppen unterteilt.
Die erste Gruppe wurde normal operiert. Bei der zweiten Gruppe schnitt man nur in die oberen Hautschichten.
Von außen sah es allerdings aus, als wäre operiert worden. In einer Kontrollgruppe griff man weder zu der einen, noch der anderen Vorgehensweise. Es wurde kein Eingriff vorgenommen.

Bei allen drei Gruppen wurde eine annähernd gleiche Nachbehandlung angestrebt.
Bestehend aus Ruhephasen, Trainingstherapie und Wiedereingliederungsmaßnahmen in die individuellen Lebenssituationen.

Was glaubst du, bei welcher dieser Gruppen der Behandlungserfolg der größte war?
Wem ging es wirklich besser?

Überraschenderweise allen - zu gleichen Teilen.

Quellen:

Moseley, J. B., O’Malley, K., Petersen, N. J., et al. (2002). A controlled trial of arthroscopic surgery for osteoarthritis of the knee. New England Journal of Medicine, 347(2), 81–88.

Sihvonen, R., Paavola, M., Malmivaara, A., et al. (2013). Arthroscopic partial meniscectomy versus sham surgery for a degenerative meniscal tear. New England Journal of Medicine, 369(26), 2515–2524.

Beard, D. J., Rees, J. L., Cook, J. A., et al. (2018). Arthroscopic subacromial decompression for subacromial shoulder pain (CSAW trial). The Lancet, 391(10118), 329–338.

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Von der Orthopädie, Psychologie und Hühnern