Studien die Schmerzen bewegen
Laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK wurden im Jahr 2021 26,2 Millionen Menschen (31,4% der in Deutschland lebenden Personen) eine Diagnose im Zusammenhang mit Rückenschmerzen ausgesprochen. Dafür muss man erstmal in die Arztpraxis. In direkten Befragungen, ebenfalls durchgeführt von der AOK, gaben 81% der Befragten per Selbstauskunft an im letzten Jahr mindestens einmal für ein paar Tage Rückenschmerzen gehabt zu haben.
Wer hatte Rückenschmerzen?
Das Robert Koch Institut hat in einer unabhängigen Studie 61% erhoben. 15,5% aller Befragten litten unter chronischen Beschwerden im Rücken.
Insgesamt - losgelöst vom Körperteil, oder der medizinischen Fachrichtung liegt bei jeder zweiten Person in Deutschland mindestens eine chronische Erkrankung vor. Etwa jede dritte erwachsene Person zeigt eine depressive Symptomatik.
Du hast Bandscheibe? Ab ins MRT?
Es braucht für MRTs keine Einleitung - Keinen Humor - keine Erklärung. Du weisst was ein MRT ist. Hier ein paar harte Fakten die dir vielleicht neu sind:
Wir gehen jetzt nach und nach, Körperteil für Körperteil, ein paar Studien durch die im Zusammenhang mit MRTs gemacht wurden.
Knie:
Abhängig von der betrachteten Studie zeigten 89% - 97% aller Untersuchten Auffälligkeiten in den MRT Aufnahmen ihrer Knie. Manche zeigten nur eine einzige Auffälligkeit in der Bildgebung, andere mehr als eine.
Diagnosebezogen zeigten zwischen 40%-60% aller Beteiligten Auffälligkeiten an den Menisken. Etwa 40%-70% zeigten Knorpeldefekte. Bei bis zu 40% lagen kleinere, oder größere Entzündungen vor. Ebenso sah man andere Weichteilbeschwerden, wie Risse in einem oder mehrerer Bänder.
Je älter du wirst desto wahrscheinlicher ist es, dass du eine Veränderung im Kniegelenk durchläufst. Nicht allein weil du alterst, sondern weil mit der Zunahme an Tagen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass du irgendwann einmal dran bist.
Altern ist vor allem Wahrscheinlichkeitsrechnung.
(Vgl. Guermazi et al. BMJ (British Medical Journal) 2012 - Prevalence of abnormalities in knees detected by MRI in adults without knee pain (89%), Hora et al. 2020 British Journal of Sports Medicine)
Rücken:
Lebensjahre Degenerative Prozesse Bandscheibenvorwölbung
Oha die Bandscheibe
Wenn du über 40 Jahre alt bist, hast du zu 50% mindestens eine Bandscheibenvorwölbung (Protrusion)
(Vgl. W. Brinjiki, P.H. Luetmer, B. Comstock et al. AJNR (American Journal of Neuroradiology) 2015)
Schulter:
Abhängig von der Studie, sind bis zu 50% aller Sehnenrisse bei Menschen über 60 Jahren in der Rotatorenmanschette empfindungsunauffällig (also ohne Schmerzen). Im Mittel der von mir gelesenen Studien ist jeder dritte Riss nicht spürbar.
(Vgl.: Sher 1995; Tempelhof 1999; Minagawa 2013; Hinsley 2022)
Warte! Nicht spürbar?!
Nicht nur in dieser sondern, alle Teilnehmenden aller Studien hatten zu keinem Zeitpunkt Schmerzen im untersuchten Körperteil. Alle waren komplett beschwerdefrei.
Mit diesen Studien konnte Nachgewiesen werden, dass nicht jeder sichtbare Schaden im MRT zu Schmerzen führt. Im Gegenteil: Die meisten sichtbaren Schäden verlaufen entweder Beschwerdearm oder nur temporär Schmerzhaft.
Schmerzen verändern sich situativ.
Vielleicht fühlt sich trotz deines MRT Befundes dein Körper Abends anders an als Morgens.
Der Bandscheibenvorfall verändert sich so kurzfristig nicht. Schmerz ist flexibler als ein Bild.
Schmerz ist flexibler als eine Bandscheibe.
- Kleiner aber wichtiger Einschub: Es ist wichtig im Einzelfall genau zu ermitteln, wie sich Symptome äußern und ob es bei reinen Schmerzempfindungen bleibt. Es gibt einige Warnzeichen (Red Flags) die sehr relevant sind. Sobald Kraftverluste, oder Funktionsauffälligkeiten im allgemeinen, Teil des Beschwerdebildes sind, ist dies sehr ernst zu nehmen. Hängt dein Arm, dein Bein oder spürst du gewisse Regionen deines Körpers nicht mehr, lass das bitte umgehend abklären.
- Bei den von mir angesprochenen Studien geht es ausdrücklich nur darum aufzuzeigen, dass eine bloße Auffälligkeit im MRT (nur in Kombination mit Schmerzen) eine relativ niedrige Aussagekraft hat. Jede Einzelne Studie geht für sich auf Teilaspekte nochmal genauer ein und hat ihre Stärken und Schwächen. Die hier gewählte Darstellung dient nur dazu eine grobe Übersicht zu diesem Thema zu öffnen.
„Ja jut Jung, aber Wennet MRT ersma da is, dann ham wa den Salat“
Es ist mittlerweile relativ gut erforscht, welche Wirkung ein MRT haben kann. In dem Moment in dem Betroffene ihren Befund schwarz auf weiss in der Hand halten, verschlechtern sich bei vielen die Symptome. Nicht weil sich von Heute auf Morgen ihre Körper verändern, sondern einfach weil jetzt die Sicherheit besteht, dass etwas kaputt ist. Für die meisten Menschen sind Diagnosebilder schlicht bedrohlich. Wissen kann weh tun.
(vergleiche Rajasekaran S, Dilip Chand Raja S, Pushpa Thippeswarmy B, Behera Ananda K, Ajoy Prasad S, Mukesh Kanna R et al. European Spine Journal 2021 „The catastrophisation effects of an MRI report on the patient and surgeon and benefits of „clinical reporting“ “; Shraim BA, Shraim MA, Ibrahim AR Elgamal ME, Al- Omari B, Shraim M „The association between early MRI and length of disability in acute lower back Pain: a systematic review and narrative synthesis“)
Der Nationale Versorgungsleitfaden Kreuzschmerz (NVL), herausgegeben von der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), legt seit Jahren genau deshalb einen Goldstandart fest:
Keine Routinediagnostik per MRT oder CT bei unspezifischen Kreuzschmerzen.
(Falls du dich fragst was „unspezifisch“ bedeutet:
Unspezifisch heißt in diesem Zusammenhang kurzzeitige (4-8Wochen) Schmerzen ohne „Red Flags“ (s.o.). Solange du also keine neuerogenen Ausfälle (dauerhafte Taubheit, Kraft- oder andere Funktionsverluste, oder irgendwas ähnliches) verspürst ist dein Beschwerdebild vermutlich unspezifisch)
Diese Leitlinien sind online offiziell unter dem Stichwort „Leitlinie Kreuzschmerz“ auf www.leitlinien.de einsehbar.
Dies gilt übergreifend für Schmerzen im unteren und oberen Rücken. Es gibt ähnliche Leitlinien für die unterschiedlichsten anderen Körperregionen. Die ersten Entwürfe für diese Leitlinien bestehen seit Jahren und wurden seitdem immer wieder überarbeitet und neu verifiziert. Sie sind in ihrer medizinischen Evidenz verlässlich und einem weltweiten Konsens entsprechend.
Wenn wir über Bildgebende Verfahren sprechen, lass uns doch vielleicht kurz über Bilder im Allgemeinen sprechen.
Welche Aussagekraft hat ein Foto überhaupt? - Nehmen wir das Bild einer Familienfeier.
Manchmal sind es die spontanen Schnappschüsse, die einen witzigen Moment festhalten. Manchmal Gruppenbilder, auf denen sich die ganze Familie vor der Kamera versammelt. Kein Foto der Welt kann allerdings festhalten, wer, wann auf diese Feier kam ,oder wie sich jede Person auf dieser Feier gefühlt hat. Wer war unfassbar glücklich? Wer hat sich vielleicht gestritten? Jedes Bild, jedes Foto ist eine Momentaufnahme. Man weiß sicher: Auf diesem Foto sind diese Personen vor Ort und führen diese Handlungen durch – mehr nicht. Der Rest ist Erinnerung. Bilder sind Spiegel unserer Interpretation.
Wir sehen zwei Menschen Händchen haltend am Strand entlang laufen. Sofort denken wir an einen romantischen Urlaub, vielleicht an Liebe.
Wir sehen eine Person lächelnd und nehmen an, sie sei glücklich. Vielleicht hat sie aber auch nur für das Foto posiert.
Das Bild ist real. Aber erst der Kontext gibt einem Bild seine Aussagekraft. Bilder sind im besten Fall Erinnerungshilfen. Wir füllen die Lücken, interpretieren, erzählen uns die Geschichten der Bilder und tauchen so in den Moment aus der Vergangenheit ein.
Auch in der Medizin gilt:
Bilder können keine Systeme erklären. Sie bilden sie ausschließlich ab. Dein Körper ist mehr als Knochen und Band.
Du fühlst diese Strukturen – und sie befinden sich permanent im Wandel. Dein Knochengerüst befindet sich dauerhaft im Auf- und Abbau. Alle 7–10 Jahre werden all deine Knochenzellen einmal erneuert – alle 7–10 Jahre bekommst du ein neues Skelett. Gratis.
Deine Muskelzellen, dein Bindegewebe, alles bewegt und erneuert sich. Diese Prozesse sind nicht statisch – sie sind dynamischer Wandel. Dein Körper ist ein System. Kein MRT kann die Komplexität und Feinheiten dieses dynamischen Systems so präzise beschreiben, wie wir glauben. Genauso wie kein Foto einer Familienfeier die Jahrzehnte Familiengeschichte mehrerer Generationen zusammenfassen kann.
Trotz all dem Gesagtem, gehört die MRT Diagnostik weiter zu einer der schnellsten und genausten Form der Befunderhebung in der Medizin - ganz ohne einen invasiven Eingriff. Es ist und bleibt eine der großen Errungenschaften der modernen Medizin und war ein Meilenstein in der Geschichte der Medizin. Ein so detailliertes Bild des Körpers zu ermöglichen ohne den Körper zu öffnen, grenzt an ein medizinisches Wunder. Es hilft uns in Ernstfällen einzuschätzen wo wir stehen. In den meisten Fällen machen wir MRTs aber nicht im Ernstfall.
Menschlich neigen wir Gesehenem eine Bedeutung zu geben. Es liegt also nah, einen Zusammenhang zwischen MRT Bildern und Symptomen zu sehen. Es brauchte erst dutzende Studien um an dieser Hypothese zu zweifeln.
Auch wenn die Wissenschaft diese Zahlen seit Jahren kennt, liegt es in der Natur eines Systems, dass von der Erkenntnis bis zur Anwendung manchmal Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Forschung erhebt Zahlen. Zahlen müssen Wirken. Wirkung muss sich entfalten. Wir alle wissen wie ungesund Rauchen ist - trotzdem rauchen Menschen. Und hier ist der Zusammenhang schnell erklärt. Bei MRT-Bildern ist die Betrachtung komplexer.
Mit jeder neuen technischen Möglichkeit, ergibt sich ein Lernprozess. Genauso wie wir als Gesellschaft mit der Erfindung des Autos, Flugzeugen, oder dem Internet und sozialen Netzwerken einen Umgang finden mussten und müssen - wird unser Umgang mit bildgebenden Verfahren noch weiter wachsen (müssen).
Die Aussagekraft dieses Meilensteins anzuzweifeln ist schwer. Aber sie ist notwendig.