Die Anatomie deines Aua

Thalamus, (das Tor zum Bewusstsein) 

Der Besitzer der Reiseagentur, Herr Thalamus begrüßt dich aufmerksam und freundlich. Er kennt die Stadt wie seine Westentasche und hat für alle Reisenden die passende Richtung parat. Sein gutes Gespür für Lebensgeschichten und die starke Intuition, welcher Reisende in welchem Kiez am ehesten Anklang finden wird, sind wichtig für deine Reise. Er weist dir den Weg. 

Vielleicht stellst du dir Herr Thalamus aber auch nicht wie den Besitzer einer Reiseagentur, sondern wie einen pfiffigen Zeitungsjungen, mit einem Bündel frisch gedruckter Zeitungen unter dem Arm vor. Er lebt seit er denken kann in den Straßen der Stadt und sog den Rhythmus dieser schnellebigen Welt in sich auf. Alle lieben ihn für die Geschichten, die er auf seinen Streifzügen aufgeschnappt hat. Deine Geschichte voll Hitze ist für ihn eine brandheiße Neuigkeit.

Nach deinem Gespräch mit Mr.T kennst du dein Ziel. Du hast neue Kraft getankt.
Ab hier befindest du dich auf dem dritten Neuron - deinem Weg in die Kieze der Großstadt. 
In der Stadt fährst du mit Bus und Bahn, denn das geht deutlich schneller.
Sobald du mit dem öffentlichen Nahverkehr im richtigen Stadtteil angekommen bist,
kannst du nicht anders als laut zu erzählen, woher du kommst und allen zu zeigen wie heiß du bist -
und glaube mir in der Großstadt Hirn haben alle auf deine Geschichte gewartet.
In den Kiezen fragen sie dich bis auf die Kleinigkeiten nach all den Details deiner Reise aus. 

Eines daran ist doch recht ulkig - denn auch wenn wir sie Anfangs als Schmerz-Reise begonnen haben -
du selbst weisst nicht, dass du schmerzt.
Du bist nur Heiß - Hitze kann nicht denken. Ein Auto ist ein Auto, was weiß das schon?

Erst im Hirn entdeckst du wer du bist, lernst deine Bedeutung für den Körper kennen.
Ab hier formst du deine Identität - das ist die Magie eines Roadtrips.
Wir starten sie meistens alleine, sind auf ihnen aber selten einsam. 

Der Dialog mit anderen hält uns oft den Spiegel vor.
Wir reden im Zusammenhang mit Nozizeption zwar schnell von Schmerzprozessen, aber erst wenn du dich selbst im Hirn gefunden hast, kann es weh tun.

So wie es dir geht, geht es auch allen anderen reisenden Reizen. Die unterschiedlichsten Temperaturen, Mechanische, oder chemische Reize formen ihre Identität erst im Hirn.
Bis dahin sind sie nahezu unbeschriebene Blätter im Wind deines Nervensystems, weil sie ihre Bedeutung nicht kennen. 

Man nennt das Rückenmark auch spinothalamischen Weg, weil es im Grunde die Nervenverbindung von deinem Körper zum Thalamus ist. Das zeigt seine Wichtigkeit.

Lass uns kurz nicht mehr von Aktionspotenzialen oder Reisenden sondern von Nachrichten sprechen.
Jedes Aktionspotenzial ist eine brandheiße Neuigkeit und der Thalamus ist die Schaltzentrale vor dem Hirn.
Er bringt die kleine Geschichten und Nachrichten unter die Menschen.

Vom Tor zur Tafelrunde- oder der Runde Tisch im Hirn 

Nun sind im Hirn keine Menschen vertreten, maximal ein Bewusstsein - im vielleicht wünschenswertesten Fall nur eines.
Was aber definitiv vertreten ist, sind verschiedene Areale des Hirnes, oder Hirn-Zentren,
denen wir gewisse Aufgabenbereiche zuschreiben.
Die Amygdala, die Insula, der präfrontale Kortex, der anteriore singuläre Kortex, das periaquäduktale Grau, das sensorische und motorische Zentrum und der Hypothalamus sind einige dieser Zentren.

Sie reagieren auf die Nachrichten des Thalamus auf ihre eigene Art und Weise und debattieren in gewisser Form über seine Neuigkeiten.
Im nächsten Abschnitt lernen wir diese Hirnzentren kennen und lernen wie sie auf Nachrichten reagieren.

Du brauchst diese Zentren nicht zwingend zu kennen, aber sie helfen, Schmerzen zu verstehen.  Wenn du also erstmal alles sacken lassen möchtest, kannst ohne Probleme zum Kapitel “Von der Orthopädie, Psychologie und Hühnern” springen. Möchtest du allerdings den Dialog in deinem Hirn verstehen, dann sind die nächsten Sätze für dich interessant.

Die Amygdala (das emotionale Zentrum, oder die Alarmanlage)

Die Amygdala verbindet Information mit Emotionen. Sie ist der aus deiner Lebenserfahrung geformte Speicher emotionaler Erinnerungen. Im Falle eines Schmerzreizes wird sie Alarm schlagen, wenn sie eine Gefahr wittert. Bedrohung, Angst und Furcht sind Emotionen, die stark aus der Amygdala getrieben werden. Im Grunde ist sie wie eine lernfähige Alarmanlage im Hirn. 

Die Insula - Experte für Skalen

Die Insula ist vor allem an der Intensität eines Impulses interessiert. Sie hilft dir wie auf einer Skala einzuordnen, wo du gerade in deiner Empfindung stehst. 


Der anterior singulärer Cortex (ASC) - der Leidensdruck 

Der ASC klassifiziert Empfindungen. Wie unangenehm ist der Schmerz für dich? Also nicht wie intensiv oder bedrohlich, sondern was macht diese Intensität mit dir? Wie sehr leidest du unter dieser Situation? 


Der präfrontale Cortex (PFC) - der Analyst 

PFC und ASC sind relativ nah beieinander in ihren Funktionen, aber der präfrontale Kortex hat eine deutlich analytischere Position als der anterior singuläre. Er fragt: wie unangenehm ist der Schmerz - wirklich - für dich und was machen wir jetzt dagegen? 

Während der ASC eher katastrophisierend wirkt, rationalisiert der PFC. Der ASC ist Bauchmensch, der PFC Kopflastiger.


Das sensorische Zentrum - der Feinfühlige

Interessanterweise wird Schmerz erst in Zusammenarbeit mit dem sensorischen Zentrum gezielt einer Körperregion zugeordnet. Erst hier wird unterschieden, wo genau du etwas empfindest. Ohne das sensorische Zentrum wüsstest du zwar, dass etwas ungefähr dort oder dort schmerzt – aber nicht, exakt wo.

Ich finde es bemerkenswert, dass unser Gehirn enorme Rechenleistung darauf verwendet, einzuordnen,
was und wie intensiv wir etwas empfinden und wie wir als Mensch mit unserer Erfahrung dazu stehen.
Die eigentliche Lokalisierung – also das ‚wo‘ – macht dagegen nur einen kleinen Bestandteil dieser Empfindung aus.


Motorisches Zentrum oder motorischer Cortex - der Bewegungsspezialist

Hier werden im weitesten Sinne Bewegungsmuster und Schutzreflexe geregelt. Wenn du dir den kleinen Zeh stößt und schnell weg ziehen musst, oder dich blitzschnell, um nicht umzufallen, an der Tischkante fest halten möchtest, hilft dir dein motorischer Cortex. 


Der Hypothalamus – der heiße Draht zum Körper, oder vielleicht auch der Dirigent deines Neuro-Orchesters.

Der Hypothalamus ist die starke Brücke von deinem Gehirn zum Körper zurück.
Über ihn wird dein Hormonhaushalt reguliert und er stimmt das vegetative Nervensystem ein.
Vielleicht hast du schon einmal davon gehört:

Sympathikus und Parasympathikus – die beiden Hauptzweige des autonomen Nervensystems.
‚Autonom‘ bedeutet: sie laufen weitgehend unabhängig, also ohne dein bewusstes Eingreifen. Sie sind ein entscheidender Teil deines Nervensystems und beeinflussen Herzschlag, Blutdruck, Muskelspannung, Verdauung, ja sogar dein Blickfeld und deine Fähigkeit, dich zu konzentrieren.
Der Sympathikus wird oft als Kampf oder Flucht-System beschrieben: er beschleunigt dein Herz, erhöht deine Reaktionsbereitschaft, spannt Muskeln an und drosselt die Verdauung.
Der Parasympathikus dagegen steht für Ruhen und Verdauen: er aktiviert die Verdauung und fährt andere Körperfunktionen herunter. Die beiden sind wie Gaspedal und Bremse – oder wie Instrumente einer Symphonie, denen der Hypothalamus den Takt vorgibt. 

Neben dem vegetativen Nervensystem ist der Hypothalamus auch eng mit der Hypophyse verbunden.
Diese erbsengroße Drüse ist zwar klein, aber von enormer Bedeutung für den Hormonhaushalt. Sie wird oft als “Meisterdrüse” bezeichnet – die oberste aller Drüsen. Die Hypophyse ist die Hormon-Schaltzentrale: Der Hypothalamus flüstert ihr Befehle ins Ohr und die Hypophyse sendet sie als Hormonsignale in den Körper. Auf diese Weise steuert dieses winzige Organ deinen Stoffwechsel, dein Wachstum, deine Stressreaktionen – ja sogar deine Bindungsfähigkeit.

Der Hypothalamus und seine Companeros können Schmerz erst systemisch spürbar machen.


Das periaquäduktale Grau - die große Hemmung 

Klingt erstmal trist - grau - ich denke da direkt an einen verregnet, nebligen Herbsttag.
Irgendwie ist alles etwas dumpfer, langsamer und träge.
Tatsächlich ist das PAG wie Nebel für deinen Schmerz. Dein Hirn kann Schmerzen nämlich nicht nur einordnen und katastrophisieren. Es kann auch bewusst entscheiden: ach das ist gar nicht so schlimm, wir leiden darunter nicht wirklich.
In einem solchen Moment kann das PAG schmerzhemmend wirken. 

🧨 Halt Stop: In diesem Text habe ich einiges sehr vereinfacht dargestellt. Ich greife manche Passagen in zukünftigen Kapiteln wieder auf und vertiefe Schritt für Schritt.

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Deine Reise voll Schmerz

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